Vom Besitzstand der Grafschaft Wertheim

Zu den bekanntesten Landkarten der ehemaligen Grafschaft Wertheim gehören die von Bernhard Cantzler und Georg Heinrich Kahl gezeichneten Blätter. Die Cantzlersche Karte, gewidmet dem Grafen Ludwig III. von Löwenstein und entstanden um 1600, wurde 1617 dem Anhang des Wertheimer Gegenberichtes beigegeben. Kahls Karte, 1786 dem Grafen Johann Ludwig Vollrath als Senior der älteren Linie des Hauses Löwenstein-Wertheim zugeeignet, ist im wesentlichen eine Neuauflage Cantzlers mit wenigen Berichtigungen. Im Hinblick auf die gegenwärtig akuten Wertheimer Grenzfragen soll versucht werden, den einstigen Besitzstand der Grafschaft an Hand dieser Landkarten nachzuzeichnen.

Die Cantzlersche Karte als Anschauungsmaterial in der Auseinandersetzung zwischen Wertheim und Würzburg beschreibt das ungeteilte gräfliche Territorium, wie es am Vorabend der Fehde bestanden hatte und auch nach 1598 von Löwenstein noch beansprucht wurde: das Amt Wertheim, die Cent Michelrieth, die obere Cent Remlingen, die beiden Ämter Laudenbach und Freudenberg und das Amt Schweinberg. Bis dicht an die Hauptstadt des Hochstiftes reicht das Wertheimer Land heran, wo das Steinkreuz an der Zeller Steige den Beginn seiner Hoheitsrechte bezeichnet. Ein Riegel sperrt die eine der beiden Verkehrsstraßen, die hinter Kloster Oberzell die Höhe gewinnen. Ebenso deutlich ist die unter Wertheimischer Aufsicht stehende Mainstrecke durch die Geleitsteine nördlich Marktheidenfelds und westlich Freudenbergs abgegrenzt. Sichtbarer Ausdruck der Gerichtshoheit in den einzelnen Bezirken sind die Galgen bei Wertheim, Freudenberg, Michelrieth und Remlingen.

Das Amt Wertheim
Hervorgegangen aus der alten Cent Reicholzheim-Wertheim. Es umfaßt einschließlich der Haupt- und Residenzstadt Wertheim die Orte Eichel, Urphar, Bettingen, Lindelbach, Dertingen, Dietenhan, Höhefeld, Niklashausen, Reicholzheim, Dörlesberg, Steinbach bei Hundheim, Sonderriet, Nassig, Ödengesäß, Sachsenhausen, Waldenhausen, Vockenrot, Grünenwört und Bestenheid. Auch Kloster Bronnbach, von alters her unter dem Schutz und Schirm der Grafen stehend, wird noch mit eingeschlossen.

Die Cent Michelrieth
Das altbesiedelte, waldfreie Gebiet ,,vor dem Spessart". Um die Urpfarrei Kreuzwertheim und den Centvorort Michelrieth gruppieren sich die Dörfer Wibelbach, Unterwittbach, Oberwittbach, Altfeld, Rettersheim, Trennfeld, Glasofen, Kredenbach, Steinberg/Steinmark, Schollbrunn, Röttbach, Hasloch, Hasselberg und Faulbach, der Weiler Eichenfürst sowie die Kartause Grünau.

Die Cent Remlingen
Auch obere Cent (von Wertheim her gesehen) genannt. Dem Umfang nach der ausgedehnteste Bezirk. Um den uralten Hauptort Remlingen als Mittelpunkt liegen hier vereinigt die Orte Billingshausen, Birkenfeld, Tiefenthal, Erlenbach, Marktheidenfeld, Lengfurt, Zell, Kembach, Neubrunn, Wenkheim, Steinbach, Holzkirchhausen, Helmstadt, Unteraltertheim, Mädelhofen, Roßbrunn, Uttingen, Greußenheim, Hettstadt, Waldbrunn, Eisingen, Waldbüttelbrunn und Margetshöchheim. Als geistliches Institut rechnet Kloster Holzkirchen hinzu.

Das Amt Laudenbach
besteht aus Burg und Dorf Laudenbach oberhalb Karlstadt am Main.

Das Amt Freudenberg
vereinigt Burg und Stadt Freudenberg mit Ebenheid und Boxtal sowie den Tremhof.

Das Amt Schweinberg
Umfaßt damals neben dem gleichnamigen Burgflecken die Orte Pülfringen, Gerichtstetten, Bretzingen, Waldstetten, die Höfe Weikerstetten und Schwarzenbrunn, Hardheim und Steinfurt sind als ältere Wertheimische Besitzungen mit eingetragen.


Nach dem Tod des Miterben an der Grafschaft, des Freiherrn Wilhelm von Crichingen (+ 1610) und seiner Gemahlin Elisabeth, geb. Gräfin von Stolberg—Königstein (+ 1612), zog Würzburg die vier Ämter Freudenberg, Laudenbach, Remlingen und Schweinberg entgegen den Löwensteinischen Ansprüchen ein. Bei der Grafschaft verblieb außer dem Kerngebiet nur noch die Michelriether Cent, wenn auch nicht unbeschnitten. Beide Teile wurden damals zu dem einen Amt Wertheim zusammengefaßt, wie sich aus einem Verzeichnis von 1617 im Gemeinschaftlichen Archiv (Receptionen Fasz. 1) ergibt, unterteilt in die Bezirke Reicholzheim, Dertingen und Kreuzwertheim.

Der rechtsmainische (Michelriether) Centbezirk verlor 1612 die fortan katholischen Orte Trennfeld, Rettersheim, Unterwittbach, Wibelbach, Röttbach und Faulbach, die zu einer eigenen Cent mit Sitz in Trennfeld vereinigt wurden. Statt dessen wurden Bestenheid, Eichel und Grünenwört dem Bezirk Kreuzwertheim unterstellt. Von der oberen Cent Remlingen verblieb allein Kembach bei der Grafschaft; es wurde zum Bezirk Dertingen gezogen.

lm Jahre 1632 kehrten die von Würzburg eingezogenen Ämter noch einmal vorübergehend zur Grafschaft zurück. Den Schenkungsbrief vom 28. Februar 1632, mit dem der Schwedenkönig Gustav Adolf diese Verfügung aussprach, hat Friedrich Emlein im Jahrbuch 1928 (Seite 37-38) mitgeteilt. Die Huldigung des Amtes Schweinberg nahm Graf Friedrich Ludwig von Löwenstein am 4. April 1632 im ehemaligen mainzischen Schloß zu Hardheim unter Leitung des gräflichen Hofmeisters Ott Heinrich Röschingeder von Schlachteck entgegen; erschienen waren die Orte Hardheim, Pülfringen, Waldstetten, ein Drittel Rüdental, Steinfurt, Birkenfeld und Schweinberg (Stadtarchiv A 256). Röschingeder wurde am Tag darauf zum Amtmann für Schweinberg ernannt.

Einen kleinen Bezirk für sich bildeten damals einige Dörfer und Weiler, die früher noch zum Amt Schweinberg gezählt hatten, nämlich Gerichtstetten, Buch am Ahorn, Hirschlanden, Schwarzenbrunn, der Hof zu Rosenberg und Hüngheim, zusammengefaßt als Amt oder Kellerei Gerichtstetten (Burgarchiv, Untertanenverzeichnis). Der neue Verwaltungssprengel ist in dieser Form auf der Kahl’schen Karte von 1786 eingetragen. Obwohl schon 1634 die erworbenen Gebiete mit dem Vordringen der Kaiserlichen nach der Schlacht bei Nördlingen der Grafschaft abermals verloren gingen, konnten doch gerade die Rechte an der Kellerei Gerichtstetten zum halben Teil bis zur Säkularisation 1803 bewahrt werden. Während Gerichtstetten 1691/1693 trotz Vorbehalt des Simultaneums völlig katholisiert wurde, haben in Buch am Ahorn und Hirschlanden auch weiterhin evangelische Geistliche aus der Grafschaft geamtet.

Die Karte von Georg Heinrich Kahl bietet eine Besonderheit insofern, als sie zum Beispiel das Kloster Bronnbachische Gebiet mit Reicholzheim, Dörlesberg, Ernsthof, Schafhof, Mittelhof (Kümmelhof = Kemmelhof), Hof Wagenbuch sowie der Eulschirben—Mühle ausklammert, auf der anderen Seite jedoch an den beanspruchten Gebietsteilen, den Ämtern Freudenberg, Schweinberg, Laudenbach und der allerdings bedeutend reduzierten Cent Remlingen festhält. Die Karte von 1786 vereinigt demnach ein Nebeneinander von tatsächlichem Besitzstand und unerfüllt gebliebenen Gebietsforderungen.

Nur zu einem Bruchteil kehrten die verlorenen Besitzungen 1802/03 an das Haus Löwenstein-Wertheim zurück, als der Reichsdeputationshauptschluß Entschädigungen für linksrheinisches Gebiet bestimmte. Die Linie Rosenberg erhielt Kloster Bronnbach mit Zubehör, die Linie Freudenberg das nunmehr um die Dörfer Mondfeld, Rauenberg und Wessental erweiterte Amt Freudenberg. Obwohl drei Jahre später mit der Mediatisierung die Selbständigkeit der Grafschaft erlosch, war auf diese Weise im Kern ein Gebiet vereinigt, das nachher über hundert Jahre lang den Amtsbezirk Wertheim bildete. Der rechtsmainische Bezirk Kreuzwertheim aber wurde dem Bezirksamt Marktheidenfeld zugeschlagen.

Erich Langguth (2004), Aus Wertheims Geschichte, S. 17-20

 

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